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Artist Stories

„Du musst noch üben“ — mein Weg vom Dachdecker zum Tattoo Artist

29. August 2026 · 4 Min. Lesezeit#Quereinstieg#Artist Story
„Du musst noch üben“ — mein Weg vom Dachdecker zum Tattoo Artist

Ich bin Markus. Meine Leute nennen mich Skeet — Ich tätowiere seit fast acht Jahren, komme aus Witten und angefangen habe ich nicht mit einer Tattoo-Maschine. Sondern auf dem Dach.

Dachdecker, Vertrieb — und keine Lust, mich verarschen zu lassen

Ich habe ursprünglich mal Dachdecker gelernt. Nach der Ausbildung habe ich noch ein Jahr weitergemacht und dabei immer wieder den Betrieb gewechselt — im Winter stand ich trotzdem ohne Arbeit da: keine Sicherheit, du wirst ausgenutzt fürs Sommergeschäft. Ich habe keine Ausbildung gemacht, um mich hinterher auf gut Deutsch verarschen zu lassen. Also bin ich über Umwege als Quereinsteiger im Vertrieb gelandet — fast vier Jahre. Und für die bin ich bis heute dankbar, denn da habe ich das Verkaufen gelernt. Was mir damals keiner gesagt hat: Genau das brauchst du später als Tattoo Artist jeden Tag.

Die Couch, die Postleitzahl und 100 Euro von meinem Bruder

Gemalt habe ich schon immer, als Kind schon. Meine Zeichnungen habe ich nach der Schule ins Studio gebracht, und die Antwort war jedes Mal die gleiche: „Du musst noch üben.“ Also habe ich geübt — zu Hause, auf der Couch, an mir selbst. Die Postleitzahl von meinem Geburtsort habe ich mir da gestochen. Bis eine Freundin meinte: Bevor du das zu Hause machst, mach das bei mir im Studio. Sauberes Umfeld, jemand, der im schlimmsten Fall eingreifen kann.

Ich habe das erst gar nicht für voll genommen. Ich bin sehr kritisch mit mir selbst und dachte: Die haben doch alle keine Ahnung. Mein Bruder hat mir dann die ersten 100 Euro gegeben und gesagt: Kauf dir Material, zieh das durch. Also stand ich freitags nach der Arbeit im Studio, samstags auch. Jedes Tattoo: 50 Euro, egal was es war. Und jeder Euro ging direkt zurück ins Tätowieren.

Der Moment, in dem es ernst wurde

Meine erste Großbestellung waren 1.500 Euro — Material, Maschine. Wie sich das angefühlt hat? Schlecht. Im Vertrieb hatte ich in einem normalen Monat rund 2.000 Euro. Rechne das mal gegen: Miete weg, Rest des Monats verballert fürs Tätowieren. Ohne Garantie, dass es je wieder reinkommt.

Aber es war relativ schnell klar: Der Switch vom Vertrieb zum Tätowieren, das Ding muss gemacht werden. Und irgendwann kam der Tag — ich bin nicht mehr zur Arbeit gegangen und habe mich kündigen lassen. Der Step war vollbracht.

Heute: mehr Geld, mehr Freizeit — und ehrlich gesagt auch mehr Rucksack

Heute führe ich mit meinem Kollegen Tobi unser eigenes Studio in Wetter. Unser System ist simpel: Der Laden kostet Summe X, wir teilen alles durch zwei, jeder kauft sein eigenes Material. Ich glaube, das ist so die fairste Lösung, die du als Tattoo Artist haben kannst.

Es gibt Wochen, da bin ich gar nicht im Studio. Und Wochen, da bin ich die ganze Woche da. Ich muss so viel einnehmen, dass Laden, Miete und Familie bezahlt sind — alles darüber ist Sahne und Kirsche auf dem Eis. Und mal gibt es einen Monat ohne Kirsche. Ist egal, das Eis schmeckt trotzdem. Die Zeit nutze ich dann lieber für meine Tochter, die ist vier.

Ich habe heute mehr Geld als in einem normalen Job, mit deutlich mehr Freizeit. Aber ich sage auch ehrlich: Es gibt Tage, da frage ich mich, ob ich das mit dem Wissen von heute nochmal so machen würde — und die Antwort ist manchmal: auf gar keinen Fall. Kundenkontakt, Finanzamt, Zahlen kennen — da hängt so viel dran, was mit der Kunst nichts mehr zu tun hat. Von außen heißt es: „Du setzt dich eine Stunde hin und kriegst deine 400 Euro.“ Ja — und vorher saß ich drei Stunden an der Vorlage, eine Stunde in der Beratung, danach eine Stunde am Putzen. Wenn du Teilzeit tätowierst, hast du einen Fulltime-Job.

Was ich jedem mitgeben würde

  • Lern die Arbeit kennen: Ich würde jedem empfehlen, genauso anzufangen wie ich — im Studio, klein, ohne aufs Geld zu gucken. Wer nur wegen des Geldes tätowiert, merkt ganz schnell, dass das nicht funktioniert.
  • Halte deinen Preis: Ich war jahrelang ein Freund von Rabatten. Damit erziehst du dir Kunden, die nur zu Aktionen kommen — und das wieder rauszukriegen ist fast unmöglich. Wer zu mir kommt, zahlt den Preis, den ich verlange. Sonst geht er woanders hin.
  • Sei kein Einzelkämpfer: Mir ist nach vier, fünf Jahren aufgefallen: Alleine kommst du nicht weit. Kontakte bringen dir bessere Preise, und Kontakte bringen neue Kontakte. Business kann so lockerlässig freundschaftlich sein.
  • Red auch über die dunkle Seite: Rücken, Handgelenk, der Druck — da spricht keiner drüber. Wenn wir zeigen, was Tätowieren wirklich für einen Rucksack mit sich trägt, wächst der Respekt für das, was wir leisten.

Wenn du das ganze Gespräch hören willst — im Toddcast erzähle ich die Geschichte in voller Länge, mit allem, was hier nicht reingepasst hat.

Ich bin gespannt, wer von euch einen ähnlichen Weg gegangen ist. Schreibt mir gern — ihr findet mich auf Instagram unter @skeet_vossi_ink und @skeet_vossi.