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Artist Stories

„Ein Like ist eine Person“ — mein Alltag zwischen Tattoo-Nadel, Knochen und Algorithmus

12. September 2026 · 6 Min. Lesezeit#Social Media#Artist Story
„Ein Like ist eine Person“ — mein Alltag zwischen Tattoo-Nadel, Knochen und Algorithmus

Wenn man sich selbstständig macht, stellt man relativ schnell fest, dass „Tätowiererin sein“ überraschend wenig damit zu tun hat, einfach nur den ganzen Tag zu tätowieren.

Zumindest nicht ausschließlich.

Ich bin Joelle und arbeite unter dem Namen MaggotboneArt als Tattoo Artist. Und ja — der Name klingt ungefähr so freundlich wie meine Vorliebe für Schädel, Knochen, Motten, Pilze, anatomische Herzen und alles andere, was irgendwo zwischen schön, düster und leicht morbide liegt. Für meine Arbeit also ziemlich passend.

Wer hinter dem Namen allerdings automatisch einen dauerhaft grimmigen Menschen in Schwarz erwartet, wird vermutlich relativ schnell enttäuscht. Ich liebe düstere Ästhetik, morbide Motive und alles, was ein bisschen seltsam aussieht — bin selbst aber eher der Mensch, der sich Gedanken darüber macht, ob sich alle wohlfühlen. Tätowieren bedeutet schließlich ziemlich viel Nähe und Vertrauen. Und manchmal entstehen während eines Termins Gespräche über Dinge, die man nicht unbedingt jedem erzählt.

Mein Weg zum Tätowieren

Ich habe Abitur gemacht, angefangen Psychologie zu studieren und irgendwann festgestellt, dass der Weg, von dem man denkt, dass man ihn gehen „sollte“, nicht automatisch der ist, auf dem man sich selbst wiederfindet.

Also habe ich das Studium abgebrochen.

Denn irgendwann wurde aus Zeichnen mehr als nur ein Hobby. Aus „das mache ich gerne“ wurde langsam „vielleicht kann ich mich dadurch selbst verwirklichen“. Aus den ersten Tattoo-Erfahrungen wurden Kunden, aus Kunden Stammkunden und aus einzelnen Terminen irgendwann ein Kalender, der plötzlich erstaunlich voll aussah. Seit Anfang 2024 arbeite ich selbstständig als Tattoo Artist. Und irgendwo auf diesem Weg wurde daraus MaggotboneArt.

Tattoos, die nach mir aussehen

Ich habe relativ schnell gemerkt, dass mich nicht interessiert, möglichst alles irgendwie anbieten zu können. Viel spannender finde ich den Gedanken, Arbeiten zu schaffen, bei denen man irgendwann sagen kann: „Das sieht nach MaggotboneArt aus.“

Nicht, weil jedes Tattoo gleich aussehen soll — ganz im Gegenteil. Ich liebe feine botanische Arbeiten genauso wie düstere Schädel, illustrative Motive, Blackwork, traditionelle Einflüsse oder Nerd-Projekte aus Games, Anime und Filmen. Trotzdem zieht sich durch viele meiner Arbeiten eine ähnliche Grundstimmung. Ein bisschen dunkel. Ein bisschen eigenartig. Detailverliebt. Manchmal morbide. Trotzdem ästhetisch.

Ich glaube, genau daraus entwickelt sich mit der Zeit eine eigene Handschrift.

Und dann gibt es da noch Social Media

Den weniger romantischen Teil der Selbstständigkeit. Social Media gehört inzwischen genauso zu meinem Beruf wie Zeichnen und Tätowieren. Nur sagt einem das vorher irgendwie niemand.

Plötzlich ist man nämlich nicht mehr nur Tattoo Artist, sondern gleichzeitig Fotograf, Videograf, Marketingabteilung, Kundenservice, Buchhaltung und gelegentlich vermutlich auch Krisenmanager. Und irgendwo dazwischen sollte man bitte noch kreativ sein. Instagram ist für mich deshalb Fluch und Segen gleichzeitig.

Auf der einen Seite ermöglicht es mir, meine Arbeiten Menschen zu zeigen, die wahrscheinlich niemals zufällig an einem Tattoo-Studio in Rheine vorbeigelaufen wären. Dass jemand meine Arbeit vielleicht lange still über einen Bildschirm verfolgt und irgendwann tatsächlich bei mir im Studio sitzt, finde ich bis heute ziemlich absurd — im positiven Sinne.

Der Hustle hinter dem schönen Feed

Was man online sieht, ist meistens nur das Endergebnis. Ein fertiges Tattoo. Ein geschnittenes Reel. Ein Wannado auf einem ästhetischen Hintergrund. Was man nicht sieht, sind die Stunden davor. Das Zeichnen. Verwerfen. Nochmal Zeichnen. Die Vorbereitung. Der Termin selbst. Aufräumen. Fotos und Videos machen. Schneiden. Nachrichten beantworten. Termine organisieren. Buchhaltung.

Und manchmal die Erkenntnis um 23:47 Uhr, dass man eigentlich seit sechs Stunden „nur noch schnell einen Post vorbereiten“ wollte.

Social Media selbst fällt mir dabei selten leicht. Ich bin ein klassischer Overthinker und habe meistens eher zu viele Ideen als zu wenige. Direkt in die Kamera zu sprechen fällt mir zum Beispiel oft schwer. Nicht unbedingt, weil ich nichts zu sagen hätte — eher im Gegenteil. Sobald ich anfange, ein Thema zu erklären, fallen mir noch drei Nebensätze, fünf Ergänzungen und mindestens ein Punkt ein, den man „eigentlich noch erwähnen müsste“.

Und plötzlich ist aus einem kurzen Reel ein halber Podcast geworden.

Instagram ist allerdings nicht unbedingt dafür bekannt, dass Menschen sieben Minuten lang freiwillig dabei zusehen, wie ich gedanklich von Punkt A über C und F irgendwann zurück zu B komme. Also lerne ich, Dinge kürzer zu erzählen. Auch wenn sich das für mich manchmal so anfühlt, als würde dadurch die Hälfte fehlen.

Gleichzeitig muss ich immer wieder meinen eigenen Perfektionismus austricksen. Ein Posting kann eigentlich längst fertig sein und trotzdem finde ich noch etwas: Das Licht gefällt mir nicht. Der Schnitt könnte besser sein. Vielleicht ist das Tattoo nicht spektakulär genug. Vielleicht ist das ganze Video einfach nicht interessant. Nicht jeder Beitrag muss das beste Reel sein, das jemals auf Instagram hochgeladen wurde. Theoretisch klingt das ziemlich logisch. Praktisch sitze ich trotzdem manchmal eine halbe Stunde vor dem „Teilen“-Button.

Social Media zwingt mich deshalb dazu, Dinge auch mal gut genug sein zu lassen. Einen Beitrag hochzuladen, obwohl ich noch etwas verändern könnte. Ein Video online zu lassen, obwohl ich fünf Minuten später schon wieder einen Fehler entdecke. Oder ein kleineres Tattoo zu zeigen, einfach weil ich es schön finde.

Zwischen Ästhetik und Algorithmus

Gleichzeitig möchte ich nicht einfach nur Inhalte produzieren, weil sie vermutlich gut funktionieren. Denn am Ende soll MaggotboneArt immer noch nach MaggotboneArt aussehen. Ich möchte Videos machen, die eine Stimmung haben, statt fünf Trends gleichzeitig hineinzupacken, nur weil sie gerade Reichweite bringen könnten.

Die eigene Ästhetik zu kennen bedeutet allerdings noch lange nicht, automatisch die Menschen zu erreichen, die genau diese Ästhetik mögen. Ich glaube, teilweise suche ich meine Bubble selbst noch. Die Menschen, die bei Schädeln nicht weiterscrollen. Die Pilze schön finden, auch wenn sie aus einem Augenloch wachsen. Und die nicht nur wegen eines einzelnen Tattoos bleiben, sondern weil sie die gesamte Stimmung mögen.

Genau das macht Social Media aber manchmal auch ziemlich frustrierend. Man investiert Stunden in ein Video, von dem man selbst überzeugt ist — und es passiert fast nichts. Dann lädt man einen Clip hoch, den man eher nebenbei zusammengeschnitten hat, und plötzlich funktioniert genau der. Natürlich beginnt man irgendwann, alles zu hinterfragen.

Deshalb versuche ich mittlerweile, Social Media weniger als Prüfung und mehr als Prozess zu sehen. Ich probiere aus. Verwerfe Dinge. Entwickle neue Formate. Versuche herauszufinden, was zu mir und meiner Arbeit passt, ohne dabei permanent nur auf Zahlen zu schauen. Denn hinter diesen Zahlen sitzen am Ende echte Menschen.

Ein Like ist eine Person. Eine Nachricht ist eine Person. Und manchmal wird aus jemandem, der meine Arbeit monatelang nur über Instagram verfolgt hat, irgendwann tatsächlich ein Kunde, der bei mir im Studio sitzt. Das ist wahrscheinlich der Teil, der mich trotz allem immer wieder daran erinnert, warum ich den ganzen Aufwand überhaupt betreibe.

Was ich mitgenommen habe

  • Gut genug ist erlaubt: Einen Beitrag hochladen, obwohl ich noch etwas verändern könnte. Ein Video online lassen, obwohl ich fünf Minuten später einen Fehler entdecke.
  • Prozess statt Prüfung: Ausprobieren, verwerfen, neue Formate entwickeln — ohne permanent nur auf Zahlen zu schauen.
  • Die eigene Stimmung behalten: Lieber ein Video mit Stimmung als fünf Trends auf einmal. MaggotboneArt soll auch im Feed nach MaggotboneArt aussehen.
  • Hinter jeder Zahl sitzt ein Mensch: Ein Like ist eine Person. Und manche davon sitzen irgendwann tatsächlich bei mir im Studio.

Wenn du magst, schau bei mir vorbei — auf Instagram unter @maggotboneart. Und wenn du auch manchmal eine halbe Stunde vor dem „Teilen“-Button sitzt: Schreib mir. Ich kenne das ziemlich gut.